Es freut uns, dass die Eröffnung unserer Science Center Räume an der PH-WIEN gerade heute, am 5. November stattfindet. Heute vor mittlerweile schon 31 Jahren fand, wie sich manche vielleicht noch erinnern können, die Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf statt.
Diese Abstimmung, die ganz knapp mit “nein” ausgegangen ist, markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt im Verhältnis zwischen “Wissenschaft” und Gesellschaft: Das “Volk” beginnt damit – sehr zaghaft noch und mit den unterschiedlichsten Motiven – sich zu emanzipieren von den Autoritäten des wissenschaftlichen Expertentums.
Ein fertig gestelltes, voll funktionsfähiges technisch-wirtschaftliches Wunderwerk wird schlichtweg abgelehnt.
Damit begann in Österreich eine beachtliche und auch einigermaßen erfolgreiche Tradition des Widerstands und der kritischen Auseinandersetzung mit den (Natur-) Wissenschaften.
Ein weiterer Meilenstein in dieser Tradition war dann – wir können in diesen Tagen das 25 –Jahre – Jubiläum feiern – die Verhinderung der Zerstörung der Donau mit ihren Aulandschaften bei Hainburg durch ein Donaukraftwerk.
Diese Ereignisse waren auch ein wichtiger Impuls für unser Projekt.
Wir wollen mit unserer “hands-on- Didaktik” die Menschen zur Auseinandersetzung mit Naturphänomenen und – prozessen anregen und motivieren.
Das bedeutet zunächst das Kennenlernen und die intensive Auseinandersetzung mit der faszinierenden Welt der Naturwissenschaften und ihrer technischen Umsetzungen.
Es geht darum, etwas vom Lehrgebäude, den Konzepten, Begriffen, Modellen und der grundlegenden Methode – in unserem Fall der Physik – zu vermitteln.
Die Physik hat eine mittlerweile etwa vierhundertjährige Geschichte, die sich in einem komplexen Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur entwickelt hat, und es hat sich dabei viel an “Ergebnissen”, an Kenntnissen und an Wissen angesammelt.
Die hands-on- Didaktik versucht nun gar nicht mehr, diese übermäßige Wissensfülle als “Stoff” an die Leute zu bringen, welchen sie “aufnehmen” und “lernen” sollten.
Vielmehr versuchen wir, die Menschen gleichsam mitten in diesen geschichtlich sich entwickelnden Wissenschaftsprozess hinein zu setzen. Als Menschen, die in unserer Industriegesellschaft leben, sind sie ohnehin immer schon Teil dieses Prozesses – zumindest als Konsumenten.
Wir wollen sie anregen und motivieren, ihren Spielraum in diesem Entwicklungsprozess zu erweitern, indem sie die typischen Vorgangsweisen, Konzepte und Modelle kennen lernen, sich damit auseinandersetzen und sie reflektieren.
Das soll sich aber nicht allein im Kopf abspielen, sondern die ganzen Menschen spielerisch herausfordern: sehen, hören, eingreifen, staunen, fragen, Antworten suchen; Assoziationen, Phantasievorstellungen, Emotionen einbeziehen; Muster und Strukturen untersuchen und variieren …
Wenn wir all das – also die Beziehung und Interaktion der Menschen zu “Natur” in der ganzen Breite – anregen wollen, dann müssen wir notgedrungen die engeren Konzepte der Physik vorerst verlassen und eine breitere Basis aufsuchen.
Wir sprechen daher bei unseren “exhibits” auch nie von “physikalischen Versuchen”, sondern weit allgemeiner von “Naturphänomenen” und “Naturprozessen”.
Es ist ein phänomenologischer Ansatz: Die Phänomene sollen sich an sich selbst zeigen; in ihrer anregenden Lebendigkeit, und die BesucherInnen können gleichsam einsteigen und mitmachen, sich ansprechen lassen und in eine Beziehung treten. Sie sind als Subjekte gefragt. Die Phänomene können sich verschiedenen Menschen unterschiedlich zeigen.
Und wir stellen es den BesucherInnen frei, wie sie sich ihnen annähern wollen.
“Hands-on” heisst für uns daher im weiteren Sinne “subjekt-on” und diese Forderung steht natürlich in diametralem Gegensatz zur grundlegenden methodischen Forderung der Naturwissenschaft, die man als “subject off” zusammenfassen könnte. Das faszinierende Modellgebäude der Physik konnte ja gerade dadurch errichtet werden, dass in diesem vierhundertjährigen Prozess die “Naturphänomene” fortwährend verallgemeinert, abstrahiert und vereinheitlicht wurden. Immer wieder mussten Subjekt-bedingte Standpunkte und Perspektiven relativiert werden; und immer wieder schlichen sich neue, subtile Subjektperspektiven ein, die eliminiert werden mussten. Es war ein fortschreitender Prozess der Objektivierung.
Für die Physik mündete dieser Prozess vorerst im so genannten Standardmodell, das schon einen sehr hohen Grad der Vereinheitlichung aufweist. (Darüber hinaus wird jetzt nach der “Grand Unified Theory” (GUT) gesucht).
Wenn wir heute “hands-on” propagieren, so meinen wir daher nicht nur eine bessere, lebendigere und erfolgreichere Didaktik. Wir wollen und müssen damit auch die Wissenschaftstheorie und die Geschichte der Naturwissenschaft thematisieren.
Die gegensätzlichen Forderungen “hands-off” und “hands-on” bilden ein weites Spannungsfeld, in dem wir diese Arbeit angesiedelt sehen.
Wenn wir es paradox formulieren: Es gilt mit der “hands-on-” Methode die “hands-off-” Methode zu vermitteln.
Anders gesagt: Die abstrakten, weil subjektfreien Konzepte und Modelle der Physik werden weit besser verstehbar, wenn wir diese Modelle wieder subjektiv verbreitern: Zu Naturphänomenen und -prozessen in ihrer bunten, sinnlichen Vielfalt.
Das Spezifische an der physikalischen Fassung der Wirklichkeit wird erst dann so richtig deutlich, wenn wir auch andere Fassungen und andere Zugänge daneben stellen und gelten lassen.
Die bunte Vielfalt ist gar nicht anders, als subjektiv möglich. Wir können sie aber gemeinsam entfalten und ausbreiten, sodass sie “intersubjektiv” wird. Deshalb spielen auch Kommunikation und Austausch bei der hands-on- Didaktik eine wesentliche Rolle.
Wenn unsere hands-on- Didaktik gelingt und wir die Menschen dazu ermutigen können, in eine selbständige Beziehung zu “Natur” zu treten, dann kann das Verhältnis unserer Gesellschaft zur “Natur” auch pluralistischer werden. Sie können das Spezifische an der naturwissenschaftlichen Vorgangsweise erkennen und schätzen und daneben auch andere Beziehungen und Darstellungen der Wirklichkeit erwägen.
Dies ist Voraussetzung für eine demokratische Mitbestimmung möglichst vieler Menschen bei Gestaltung der Zukunft. Die Organisation des Verhältnisses Mensch – Natur soll auf diese Weise nicht nur so genannten wissenschaftlichen Experten überlassen bleiben. Es ist ja jeder Mensch Expertin und Experte für die eigene und gemeinsame Lebenswelt.
Gerade bei einem so wichtigen Thema wie “Energie” – um das es bei “Zwentendorf” und “Hainburg” ja ging – benötigen wir diese “verbreiterte” Basis.
Mit “Energie” gestalten wir unsere alltäglichen Lebensverhältnisse: Licht, Wärme, Wohnen, Mobilität … hier geht es überall um Lebensqualitäten, die nur aufgrund der breiteren Fassung der Phänomene und in deren Beziehung zu uns subjektiven Menschen beurteilt werden können.
Die rein physikalische Fassung des Konzepts von Energie allein würde weit zu kurz greifen.
Aber es ist sehr wichtig (und auch interessant), die physikalische Fassung zu verstehen und zumindest in den Grundzügen zu kennen, um dann auf der breiteren Basis mitbestimmen zu können.