ZUR ENTWICKLUNG VON “HANDS-ON”

Die Experimentierwerkstatt Wien hat ihren Schwerpunkt beim Entwickeln von Experimentierstationen und “hands-on” – Ausstellungen. Thematischer Ausgangspunkt ist die Physik, also die so genannte “unbelebte” Natur – die wir  aber durch unsere Arbeit vielfältig beleben wollen. Es sind die BesucherInnen,  die Leben in die Naturphänomene bringen, indem sie wahrnehmen, eingreifen, ausprobieren, Einfällen nachgehen, Variationen schaffen und Entdeckungen machen.

Nachdem die Physik, auf ihrem mittlerweile vierhundertjährigen Entwicklungsweg erfolgreich darangegangen ist, möglichst alle Subjektivität – und damit die “Subjekte” -  aus den Naturvorgängen auszuschließen und sie auf gesetzmäßig funktionierende Mechanismen zu reduzieren,  wollen wir die Menschen dazu anregen, wieder persönliche und eben subjektive Beziehungen zu den Phänomenen aufzubauen.

Die Stationen sind daher sehr offen angelegt, haben interessante, ungewöhnliche, reizvolle Aspekte, die zum Staunen anregen, neugierig machen und zum Eingreifen motivieren.

Die BesucherInnen sollen nicht nur physikalische Zusammenhänge in den Phänomenen entdecken, sondern in die ganze Breite der Phänomene, die man ja erst nach und nach entdeckt, spielerisch einsteigen.  Eine Brücke zur Kunst wird geschlagen: Bildnerische Auseinandersetzung mit Mustern und Strukturen, die akustische und rhythmische Seite der Phänomene, sprachliches Ausdrücken des Wahrgenommenen…

 

Mittlerweile haben wir an die 60 “hands-on” – Stationen entwickelt. Derzeitige Schwerpunkte beim Entwickeln von neuen Stationen sind die Themenbereiche “Erneuerbare Energie” und “Teilchenphysik”.

 

Die Arbeit des Entwickelns geschieht in diesem Sinn als zweifache Bewegung: Ausgangspunkt ist ja  zunächst ein eher physikalisch gefasstes Thema, etwa “Windenergie”. Da gibt es in der Physik ganz exakte Definitionen: Wind als Strömungsbewegung von Luftmasse; Strömungslehre mit Begriffen wie Druck, Strömungsgeschwindigkeit, Bernoulligleichung oder Auftrieb. Diese Begriffe sind eingebettet in die Vorgangsweise und das Lehrgebäude der Physik. Im Physikunterricht in den Schulen soll dieses Lehrgebäude vermittelt werden, wobei der Abstraktionsgrad mit den Schulstufen ansteigt.

Beim Entwickeln von “hands-on” – Stationen geht der Weg aber in die entgegengesetzte Richtung: aus der präzisen und abstrakten physikalischen Fassung, die ja vor allem der “Mechanisierung” von Natur dient, wollen wir die Sache wieder verbreitern und in die Nähe der menschlichen Erfahrung und des Alltags rücken.  Was kann “Wind” alles sein? Vom feinen Hauch des Atems, den raschelnden Blättern im Baum, bis zum Wirbelsturm. Wie hängt der Wind mit der Sonneneinstrahlung zusammen, welche Vorgänge gibt es in der Atmosphäre welche Muster bringen sie hervor und wie hören sie sich an? Wir sind ja eingebettet in diese Phänomenwelt und leben täglich mittendrin. Und da gibt es natürlich einen Pluralismus an Zugängen.

In einer guten Experimentierstation sollen möglichst viele derartige Anknüpfungsmöglichkeiten zum Leben erweckt werden. Wir können die BesucherInnen nur anregen und motivieren, diesen Reichtum an möglichen Beziehungen zu entfalten – tun müssen sie es selber. In der Regel tun sie es aber ohnehin gerne und mit Freude, denn zugleich mit den Phänomenen können wir  ja uns selbst entfalten.

Aus dieser spielerischen, breiten und offenen Auseinandersetzung heraus können nun manche BesucherInnen wieder zurückkommen auf die engere physikalische Darstellung, diese jetzt oft erst  richtig verstehen und das Faszinierende dieser Vorgangsweise erleben: das exakte Quantifizieren, das Zurückführen auf klare, eindeutige Modelle und das kausale, logische Verknüpfen der vielfältigen Vorgänge miteinander. Jetzt ist das alles kein abstraktes Gerüst mehr, das man sich pflichtmäßig einprägen und auswendig lernen muss, sondern ein interessantes Ergebnis der eigenen Auseinandersetzung.

 

Damit dieser Ansatz aufgeht, spielt neben der Entwicklung der Ausstellungen die Inszenierung und Vermittlung eine zweite, wesentliche Rolle. Es geht darum, diesen Prozess der möglichst selbständigen Auseinandersetzung an den Stationen anzuregen, zu begleiten und zu moderieren.

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