Die Geschichte vom „Hans guck in die Luft“ hat mir zuerst Kopfzerbrechen bereitet, weil ich nicht wusste, welchen aktuellen Zusammenhang ich über die Geschichte herstellen sollte. Da half mir ein Satz aus dem Buch von Anita Eckstaedt „Der Struwwelpeter: Dichtung und Deutung“ aus dem Patt. Sie schreibt: „Man könnte sagen, Hans Guck-in – die – Luft, der so entschieden vorwärts geht, weiß gar nicht, dass er in Wirklichkeit träumt…“ Damit war das Thema gefunden: Tagträumen. Wir alle kennen dieses fast bewusste rückwärts oder in die Zukunft gerichtete Träumen und verbringen am Tag viele Stunden damit. Eigentlich immer dann, wenn wir unsere Gedanken fortschicken und in die Ferne schweifen lassen, wenn unsere Aufmerksamkeit nachlässt und wir uns dieser Art des Träumens hingeben dürfen.
Interessant war, wie freimütig viele SchülerInnen zugeben, fast 40 % einer Unterrichtseinheit geistig abwesend zu sein. Das spiegelt die Langeweile, die sie oft empfinden, das Desinteresse am gerade unterrichteten Stoff – mag es an ihm selbst oder an der Darbietung liegen. Besonders auffallend, dass gerade die SchülerInnen mit häuslichen oder schulischen Problemen – oft lässt sich das eine vom anderen kaum trennen – noch viel häufiger von dieser Technik des Abschaltens Gebrauch machen und sich so einen Ausgleich suchen. Sie beamen sich an andere Orte, wiederholen Ereignisse, geben ihnen eine andere Wendung, inszenieren mit Hilfe ihrer Fantasie eine Wirklichkeit, die der erlebten oft diametral gegenüber steht.
Das Tagträumen erfüllt somit eine wichtige Funktion im Psychohaushalt nicht nur von Kindern und Jugendlichen, sondern auch – wenngleich in anderer Ausprägung – von Erwachsenen. Es ist wie fiktives Tagebuchschreiben im Kopf. Eigentlich sollten wir Lehrer sie bei dieser Tätigkeit nicht stören. Die Frage „Wo bist du jetzt gerade?“, wird von den wenigsten ehrlich beantwortet und ist eigentlich nur rhetorisch gemeint. Übersetzt bedeutet sie: „Hör auf zu träumen! Schlafen kannst du daheim. Jetzt ist Unterricht und du hast gefälligst zuzuhören und mitzumachen!…“
Auch wovon sie tagträumen, ist interessant, weil uns diese Inhalte zeigen, wie sehr sie gerade in den vierten Klassen mit ihrer Zukunft beschäftigt sind und vorwegnehmen, manchmal realistisch, manchmal utopisch, wie sie einmal ausschauen wird. Wenn Konflikte in der realen Welt nicht zu lösen sind, werden sie in den Tagträumen reproduziert und einer Lösung zugeführt. So können auch demütigende Erfahrungen besser verarbeitet werden, weil du aus einem Wortgefecht oder Raufhandel als Sieger hervorgehst. Was jetzt die Lehrer oder Mitschüler oder Eltern sind, sind später die Chefs oder Arbeitskollegen oder auch die Lebenspartner, mit denen sich Sträuße im Kopf viel leichter ausfechten lassen und ohne die Kollateralschäden, die sie in der Wirklichkeit anrichten können. „Man denkt sich (buchstäblich“ seinen Teil“ und hat es in der Form eines Tagtraums erledigt.
Den Kindern jedenfalls hats Spaß gemacht. Sie fühlen sich ernst genommen und haben das Thema ernst genommen. Es kommt ja nicht so oft vor, dass wir als Erwachsene dafür interessieren, was in ihren Köpfen so vor geht.