(C) APA OTS/Fotograf: Ian Ehm

Wer diesen Text liest, ist bereits in einem Teil der virtuellen Lernumgebung des “campusPLUS” der PH Wien gelandet. Nun einen Blogeintrag zu lesen ist sicherlich keine besondere Neuigkeit und vermutlich auch nicht wirklich innovativ. Ebensowenig sind “digitale Schultaschen” oder digitale Whiteboards für sich gesehen eine Neuheit.

Aber darum geht es ja vielleicht nicht, auch wenn der erste Eindruck darauf hinweist. Die Frage, die sich stellt ist vielmehr: Wie kann eine unter den gegebenen Rahmenbedingungen realisierbare hochschuldidaktische Antwort auf die zunehmende Verschränkung zwischen realen (Lern-)Umgebungen (Klassenzimmern, Büchern, Ausstellungen, Museen,…) und virtuellen (Lern-)Welten für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen formuliert werden?

Ein Thema, das viele Hochschulen und Universitäten berührt, wodurch an vielen Stellen an Konzepten und Angeboten gearbeitet wird. Das Zentrum für Medienbildung versucht hier für die  Pädagogische Hochschule Wien eine entsprechende Antwort zu entwickeln: den “campusPLUS”. Die Formulierung ist mit Bedacht gewählt, denn es gibt aus unserer Sicht keine allumfassende, für längere Zeit gültige Antwort. Es bedarf eines prozessorientierten Modells, das die jeweiligen Rahmenbedingungen berücksichtigt und Platz für eine Weiterentwicklung beinhaltet. Sicherlich reicht da eine rein technische Antwort nicht aus.

“campusPLUS” ist daher ein puzzleähnliches, modulares System, das auf mehrere Ebenen ansetzt und sich zum Ziel gesetzt hat, einen dynamischen Prozess des Lernens sowohl der beteiligten Individuen als auch der Organisation selbst nach dem   SECI Modell an der PH Wien zu implementieren. Hier finden sich sowohl technologische als auch hochschuldidaktische und soziale Dimensionen, die wiederum sowohl  reale als auch in der virtuelle Lernumgebungen ansprechen. In jeder Dimension gilt es passende Antworten zu finden und Prozesse in Gang zu setzen, die  wechselseitig den Lernprozess fördern ohne die Institution und die beteiligten Menschen zu überfordern. Das könnte dann punktuell grafisch etwa so aussehen:

campusPLUS_modell_G.Scheidl 2008

campusPLUS_modell_G.Scheidl 2008

Dass dahinter in Form eines modularen Applikationsangebot eine technologische Ebene steckt, soll nicht bestritten werden. Im veröffentlichten Diskurs in unserer  Medienlandschaft wird das Gesamtmodell dann auf einzelne kleine Aspekte (digitale Whiteboards/ “digitale Schultasche”) auf der technologischen Ebene reduziert, wie sich zuletzt bei der Pressekonferenz an der PH Wien und den redaktionellen Ergebnissen zeigte. Damit kommt in der Öffentlichkeit eine “Old School” Botschaft an, die dem tatsächlich innovativen Ansatz nicht gerecht wird.

Ob nun die Planung einer Lehrveranstaltung an einer Hochschule oder auch die Vorbereitung eines Schulprojektes oder auch die Implementierung von Neuen Medien an der Hochschule – in jedem Fall werden das Handeln und die Umsetzung von Rahmenbedingungen begrenzt.Welche Faktoren in welchem Maße einwirken unterscheidet sich von Fall zu Fall – vorhanden sind sie jedenfalls. Das ist wohl keine neue Erkenntnis. Ebenfalls nicht neu ist die Erkenntnis, dass wir unsere Rahmenbedingungen auch mit beeinflussen. Ich möchte nur mal versuchen diese Bedingungen ansatzweise zu kategorisieren und zur Reflexion übersichtlich anzuordnen. Dafür ist ein Mindmap das optimale Werkzeug:

Faktoren zur Medienarbeit

Faktoren zur Medienarbeit, chb 2008

Ich habe diese mindmap ursprünglich als Grundlage für Beratungen bei medienpädagogischen Projekten entwickelt, es passt aber ebenso für den medialen Einsatz in der Hochschule. Lediglich die Begriffe müssen dahingehend angepasst werden (SchülerInnen= StudentInnen, usw.)

Grundsätzlich lassen sich daraus zwei Ebenen ablesen: die menschliche und die organisationale.  Ich möchte mich hier erst mal auf die menschliche Ebene konzentrieren. Nicht, dass die verschiedenen Faktoren isoliert zur Wirkung kommen, aber irgendwo muss mensch ja mal beginnen, das Netzwerk aufzudröseln.

Ein wesentlicher Faktor auf der menschlichen Ebene ist aus meiner Sicht das “Mediennutzungsverhalten”. Menschen, die immer mit dem Auto fahren, das Fahrrad jedoch kaum benutzen, erkennen selten die Vorteile, die mit dem Fahrradfahren zusammenhängen. Ebenso ist das mit der Nutzung von Medien. Menschen, die nur ungern Mobiltelefone benutzen, sind daher auf dieser Ebene kaum erreichbar und werden auch kaum Mobiltelefone im didaktischen Kontext benutzen. Konzepte des Mobile Learning führen hier wohl nicht weit. Weder bei Lehrenden noch bei Studierenden. Dies ist auch weiter verfolgbar. Arbeiten auf Lernplattformen wie moodle wird mühsam, wenn ein Drittel der SeminarteilnehmerInnen selten online sind. Nicola Döring hat dies sehr gut im “Medienökonomischen Rahmenmodell” erklärt (Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Hogrefe Verlag, 2003. S 191). In der Hochschuldidaktik kommt hierzu auch noch das Lernverhalten der Studierenden. Wie oft kommt es vor, dass die Aufforderungen, Texte vorab zu lesen, nicht erfüllt werden? Warum soll dies bei multimedialen Texten anders sein?

Eigentlich bieten die Möglichkeiten des Web 2.0 jede Menge Chancen diskursiv und asynchron Lernprozesse in Gang zu setzen (Vgl. M.Kerrres, C.Musecamp, P.Baumgartner, G.Reinmann,…). Aber  das Mediennutzungsverhalten der Studierenden (vgl. Ebner/Schiefner 2009 – die Ergebnisse decken sich größtenteils mit meinen persönlichen Erfahrungen) und auch der Lehrenden (hab da noch keine aktuellen Studien gefunden, in den Stellen-Ausschreibungen wird hier auch kaum Kompetenz eingefordert) ist im Kontext des Studiums zumeist nur auf passiven Konsum im Web ausgerichtet. Wikipedia wird als Nachschlagewerk genutzt  – die eigene Aktivität, Beiträge zu bearbeiten oder zu verfassen, tritt nur in geringem Masse auf. Im privaten Kontext werden soziale Netze, Facebook, Youtube u.ä. Portale stärker genutzt. Die Generation der lern-aktiven “Digital Natives” lässt also noch auf sich warten.

Das Mediennutzungsverhalten korreliert meiner Ansicht nach auch stark mit dem pädagogischen Konzept und den persönlichen Interessen. Je nach den eigenen Wertevorstellungen werden unterschiedliche pädagogische Konzepte  und Interessen verfolgt. Kollaboratives Arbeiten, wo die Leistungen der Beteiligten nicht extra ausgewiesen sind und somit auch nicht personenbezogen messbar werden, widerspricht sich oftmals mit den persönlichen und auch organisationellen Anforderungen in Bezug auf Notengebung und Zertifizierung. Mechanistische Beurteilungskonzepte stehen hier im Widerspruch zum inhaltlichen Lernen. Diese Problematik ist sowohl bei Lehrenden als auch bei Studierenden anzutreffen.

Aus dem passiven Nutzungsverhalten kombiniert mit der Forderung nach Leistungsmeßbarkeit und Beurteilung folgert meiner Ansicht nach die Vorliebe für lineare didaktische Konzepte und dazupassende Mediennutzung. Herauskommen Frontalvorträge zumeist mit MS-Powerpoint, die mehr an die Kopien von Skripten bzw. deren Kapitelüberschriften erinnern, denn an unterstützende und erweiternde Präsentationen. Frontalvorträge, die nicht auf selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen abzielen, sondern auf den Transfer von messbaren (abprüfbarem) linear reproduzierbaren Informationen. Ob nun ein Vortrag darauf abzielt oder als Grundlage eines diskursiven Aneignungsprozesses von Wissen mit nicht definiertem Ziel dient (vgl. Freinet-Adler steigen keine Treppen), welche pädagogischen Werte vertreten werden – das beeinflusst sowohl das didaktische Konzept. Die eigenen Mediennutzungskompetenz und die allgemeine Medienkompetenz der am Lernprozess Beteiligten , bestimmt die zum Einsatz kommenden Medienformen.

Fazit: um die Lernpotenziale des Web 2.0 bzw. Social Software in der Hochschuldidaktik verankern zu können, bedarf es Angebote in unterschiedlichen Bereichen der Hochschule (Lehre, Personalentwicklung, PR, Campus,…), die den persönlichen Interessen und dem Nutzen der Beteiligten entgegenkommen, einer kontinuierlichen Schulung mit LowLevel Einstieg und vor allem einer Lernkultur, die kollaborative Arbeit fordert und fördert.

swertz_2010-04-15 10.30.26Christian Swertz (Uni Wien) präsentierte heute auf Einladung des Bundeskoordinationszentrums für Literacy eine Reise durch die Geschichte und die Welten der Media Literacy. Er spricht über das Lernen und “World of Warcraft”,  die Vereinsamung durch Bücher und die für SchülerInnnen unattraktive Welt der Schulbücher, Mediennutzungsverhalten und Medientypen, heisse und kalte Medien (Marshall McLuhan), kooperatives Arbeiten und die Verbindung zu den Medien, Macht in pädagogischen Verhältnissen, das Verhältnis von Medienkulturen und Unterrichtsmethoden, den Zusasmmenhang von Raumarchitektur und Unterrichtssetting, Strukturierung von eLearningkursen und Methoden-/Plattformvielfalt sowie die Ergebnisse der aktuellen Studie “Lessons learned” über die Fördermöglichkeiten multimedialer Lesekompetenz in Österreich vor dem  Hintergrund der internationalen Forschungsergebnisse zum Thema.

In einem konkreten Beispiel zeigt er auf, wie Medienerziehung als Querschnittsthema z.B. in Geografie beim Einsatz von Google Earth umgesetzt werden kann.

Was Sie hier lesen sind meine (Live-)Notizen während des Vortrages. Aber hören Sie sich das selbst an (Sorry für das ev. störende Geräusch des Beamers:)):

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Und hier noch die Folien zum Vortrag – die Bilder ergänzen die Audioaufnahme!Download pdf

Mai
23
Filed Under (Bloghinweise, News, Video) by chb on 23-05-2009

Nun hat auch schon der erste Dokumentarfilm ins Podcampus Archiv gefunden.Damit findet sich neben  studentischen Arbeiten, Tutorials, Interviews und Veranstaltungsmitschnitten nun auch professionell produziertes Filmmaterial im Archiv. Eine Dokumentation, die sicherlich auch im Geografieunterricht ebenso nutzbar ist, wie für politische Bildung und Geschichte.

Helmut Hostnig, Lehrer, Dokumentarfilmer und Radiojournalist hat im Herbst 2008 die einzigartigen Felsbildmalereien und Petroglyphen in der hochalpinen Landschaft Südperus besucht, deren Zerstörung nun durch den geplanten Uranabbau bevorsteht.

In dieser großartigen Tufflandschaft leben die Menschen noch wie ihre Ahnen von Subsistenzwirtschaft und der Lama- und Alpacaviehzucht : Eine andine Kultur, die durch den konzessionierten Uranabbau ausländischer Bergbaufirmen bedroht ist? Die Dokumentation will das konfliktträchtige Beziehungsgeflecht aufrollen und allen Beteiligten – insbesondere Rainer Hostnig, der sich als Felsbildexperte in Lateinamerika einen Namen gemacht hat – eine Stimme geben und veranschaulichen, dass selbst Kulturgüter, die keinen Tauschwert besitzen, durch das Kapital ins Tauschgeschäft verwickelt und damit von Zerstörung bedroht werden.

Wer mehr über die Reise lesen will, kann sich im Blog von Helmut Hostnig vertiefen.

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