Zentrum für Medienbildung
Am 13.3.2009 hielt Dr. Beat Doebeli einen Einstiegsvortrag für die Tagung “Personal Learning Environment in der Schule” . Ich habe selten einen so pointierten Vortrag zum Thema gehört. Wohltuend – keine Power Point Folien, die zumeist ohnehin besser als Skriptum verlegt werden sollten, sondern eine unterhaltsame und informative Veranschaulichung, was neue Technologien im Unterricht leisten könnten. Dass er nicht nur davon spricht, sondern auch die praxis wissenschaftlich begleitet zeigt sich im derzeit laufenden Versuch an der Projektschule Goldau, wo eine 6. Schulstufe mit iPhones ausgestattet wurde, um Erfahrungen in der Didaktik und Methodik des Unterrichtens mit mobilen Kommunikationsgeräten zu sammeln. Ich habe darüber bereits an anderer Stelle in diesem Blog berichtet.
Doch an dem Vortrag ist noch ein anderer Aspekt interessant. Doebeli nutzt im Vortrag gleich auch eben die Technologien über die er berichtet. In einem zweiten Schritt stellt er den Vortrag auch auf der Webseite als Video online, wodurch es mir erst möglich war diesen überhaupt zu sehen und mich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Medienkonvergenz wie sie heute im Alltag üblich ist findet da Eingang in die Hochschuldidaktik. Wort, Bild, Ton, Schrift fliessen zusammen. Durch die Speicherung und die Publikation wird Wissen geteilt und regt auch zur eigenen Aktivität an.
Nun sagen die meisten dies ist zu aufwendig oder die Technik ist nicht verfügbar…ich halte das für Ausreden. Eine Aufzeichnung ist heute mittels Netbook und ev. noch einem Mikro brauchbar möglich. Zur Veröfentlichung reicht eine Webseite, Archive für Online Speciherung stehen notfalls auch kostnefrei zur Verfügung. Also sicherlich keine kostspielige und technisch aufwendige Sache.
Einerseits steckt ein wenig Angst in jedem wissenschaftlich arbeitenden Menschen, dass im Zuge eines Live-Vortrages sich Fehler oder Thesen einschleichen, die ev. in einer Veröffentlichung als gedrucktem Text vorab durch Selbstkontrolle und Lektorat korrigiert würden. Es ist also Mut zum Fehler und auch zur Kritik nötig, Aufzeichnungen zu gestatten.
Andererseits fehlt oft auch das notwendige Knowhow zur Umsetzung. Wer nicht mit dem Rad fahren kann wird wohl selten das Rad benutzen und wenns erst mal eintrainiert wurde, dann ist es oftmals sehr praktisch und wird im Alltag genutzt. Die Mediennutzung beeinflusst die Medienkompetenz und diese ist Grundlage für den Einsatz im Alltag. Es ist kein “Digital Devide” an den Hochschulen, sondern ein “Competence Devide” wahrzunehmen. Ähnliches hat auch Dennis Schaffer bereits im Blog LernenzweiNull beschrieben. Zunehmend wird auf die Situation durch ein verstärktes Schulungsangebot zur Vermittlung von Medienkompetenz im digitalen Bereich reagiert (vgl. u.a. Kerres Medienkompetenz für die Bildungswissenschaft). An der PH Wien werden dafür im Rahmen des Lehramts-Studiums grade mal 1,5 EC aufgewendet. Die Angebote im Rahmen der Personalentwicklung für Lehrende beschränken sich auf punktuelle Workshops im Umfang von ein paar Stunden. In Ausschreibungen für Lehraufträgen ist von digital skills zumeist keine Rede. Die Integration in die Didaktik hängt also wieder von der eigenen Mediennutzung und der daraus resultierenden Kompetenz ab. Verdacht: Die Auseinandersetzung mit Mediendidaktik, insbesondere auf digitaler Ebene, wird gerne einem kleinen Kreis interessierter SpezialistInnen vorrangig aus den Bereichen EDV, ev. noch Deutsch oder BE, überlassen.
Der Vortrag von David Röthler über “Glotzen im Netz – Video im Web 2.0″ wurde sowohl vor Ort als auch von den Online TeilnehmerInnen mit Interesse verfolgt. Aufgezeigt wurden neue Entwicklungen im Internet, die für unsere SchülerInnen wohl oft mehr zum Alltag gehören als für die LehrerInnen.
So gabs nach dem Vortrag auch einige Diskussion, wie das denn nun sei mit der Kontrolle im Internet und dem Verantwortungsbewusstsein der Publizierenden, wo es doch heute so leicht ist etwas Online zu veröffentlichen.
Im November sind 3 Diskussionen geplant, die sich mit der Vermittlung von Weltbildern durch Medien auseinandersetzen. Weitere Infos hier.
Nun machen Sie sich doch selbst ein Bild . Hier ist die Aufzeichnung des ersten Vortrages:
Get the Flash Player to see this player. Quelle:podcampus Archiv
Schön, dass es vermehrt zu open content online Publikationen kommt. So ist es möglich, in relevante Forschungsergebnisse rasch Einblick zu erhalten. Diesmal war es ein Beitrag im Online Journal “bildungsforschung” :
Jadin, Tanja & Zöserl, Eva (2009). Informelles Lernen mit Web-2.0-Medien. In: bildungsforschung, Jahrgang 6, Ausgabe 1,
URL: http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2009-01/Web2.0/ (aufgerufen am 27.5.09)
“Web 2.0″ verliert zwar immer mehr seine Bedeutung als Reizwort – einerseits finden sich schon an allen Ecken und Enden entsprechende Angebote zur Partizipation, gleichzeitig steigt jedoch die partizipative Nutzung dieser Möglichkeiten nur sehr langsam. Der Hype ist vorüber (?) – die breite Masse hat die Kulturtechniken aber noch nicht internalisiert. Vor allem im Bildungsbereich ist da eine gewisse Trägheit zu erkennen. Die vorgestellten Studienergebnisse über die aktive, partizipative Nutzung von Social Software durch österreichische Studierende von Jardin/Zöserl zeigen dies auch.
Bei der Lektüre des Beitrages haben sich bei mir die Fragen getürmt:
Was bedeutet es, wenn jene Lernumgebungen, die selbstorganisiertes, selbstbestimmtes Lernen fördern, nur zögerlich genutzt werden? Wie traditionell hierarchisch und instruktiv ist die Lerneinstellung der Studierenden? Bevorzugen sie die Vorgabe fertiger Informationspakete, die dann bei Prüfungen wiedergegeben werden und damit die erforderlichen Zeugnisse abgeholt werden können? Oder gibt es schlichtweg keine entsprechenden Lernszenarien, um kollaborativ oder partizipativ online ebensolche Zeugnisse zu erhalten? Liegts an der mangelhaften Medienkompetenz der Lehrenden? Wird informelles Lernen vielleicht gar nicht als Lernen erkannt und somit der damit zusammenhängende Wert übersehen? Liegt es an der mangelhaften Mediennutzungskompetenz der Lehrenden und Lernenden?
Gleichzeitig läßt sich Hoffnung schöpfen. Nachfolgende Generationen dürften schlichtweg weniger Scheu bzw. mehr Mediennutzungskompetenz haben. Um das aber auch zu belegen, ist auf zukünftige Befragungen zu warten.
Noch zwei kurze Zitate aus dem Schusskapitel “Diskussion”:
“Die partizipative Nutzung von Wikis, d.h. das Abändern von Beiträgen sowie die kritische Reflexion von Weblogs, fördert Schreibkompetenz, kritisches Denken und Kritikfähigkeit. Zudem können Szenarien für kollaboratives Lernen entwickelt werden um neben den genannten Kompetenzen Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit zu unterstützen.”
“Wir stehen erst am Beginn der Frage, wie eine Vernetzung von informellem Lernen und Hochschule aussehen könnte. Womöglich bedarf es ein Umdenken in unserer Lernkultur.”
Letzterem kann ich mich nur anschließen und den gesamten Beitrag von Jardin/Zöserl zur Lektüre empfehlen. Schön, dass es Open Content gibt.
PS: Falls Sie Interesse und kurz Zeit haben könnten Sie diese Open Content Petition unterzeichnen.
Mit dieser Frage beschäftigt sich u.a. das “Netzwerk Freies Wissen” . Dort erschien auch die Broschüre “Wissensallmende Report 2009″, die ins Thema einführen soll. Der Trailer (veröffentlicht auf vimeo, cc lizenz) bietet erste Einblicke, was die Patentierung im Bündnis mit Kommerzialisierung von Wissen für unsere Gesellschaft bedeutet.
…und ich sag dir, wer du bist. Es ist heutzutage kein Problem mehr kostenfrei Webspace auf irgendwelchen Servern von verschiedensten Anbietern zu erhalten. Für die LeserInnen dieses Blogs ist es egal, ob dieser Text in Wien, in New York oder in irgendeinem Server auf einer kleinen Bohrinsel abrufbar ist. Nun aber für mich ists das nicht.
Michael Kerres (E-Learning und Bildungsexperte an der Uni Duisburg, den ich sehr schätze) ist mit seinem Blog vor etwa einem Monat vom Uniserver zu e-Blogger umgezogen. Seine Freude über die vielen praktischen Google Tools hat er schon des öfteren in seinem Blog zum Ausdruck gebracht.
e-Blogger – ein kleines unabhängiges Unternehmen – wurde 2002 von Google aufgekauft. Nun Google bietet jede Menge gute Tools kostenfrei an. Allerdings nicht kostenlos – bezahlt wird mit Daten. Google lebt davon die Netzgewohnheiten und Interessen einer großen Zahl von Menschen zu analysieren und auszuwerten. Daraus lassen sich Trends ablesen und diese sind gegen bare Münze einzutauschen. (Übrigens sollten Sie demnächst an der Kasse des Supermarktes nach Ihrer Postleitzahl gefragt werden – nennen Sie einen Ort mit hoher Arbeitslosigkeit – ev. wird bei oftmaliger Nennung der Postleitzahl dort eine neue Filiale eröffnet und Arbeitsplätze geschaffen
) )
Kerres beschäftigt sich vorrangig mit E-Learning und den Möglichkeiten die Online Instrumente für Bildungsinnovation bieten. Ein Bereich in dem ich auch arbeite. Da kommt über kurz und lang die Frage auf: ist es in einer Netzwerkarchitektur wichtig, auf welchen Servern Programme laufen, die für den Unterricht genutzt werden können. Auch Kerres stellt diese Frage kurz in seinem Blogeintrag.
Ich denke es ist wichtig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen und es ist nicht egal, wo was gehostet wird. Kerres verweist bereits auf das Problem der unterschiedlichsten Datenschutz und Rechtssituationen, die eine Nutzung von Servern in anderen Staaten aufwirft. Aber ich denke, es gibt da noch mehr:
1.) Das Umfeld prägt auch das Image.
Es macht einen Unterschied, wo (m)ein Text erscheint – ob Uni/Hochschule oder Privatunternehmen.
2.) Der Inhaber des Servers kontrolliert auch meinen Datenbesitz.
Wenn Google flickr, youtube und andere Plattformen aufkauft, wandert auch der Content in dieses Umfeld. Es ist ein branchenübliches Verhalten, dass im Web kostenfrei Dienste angeboten werden, die dann sobald die kritische Masse erreicht ist – kommerzialisiert werden. Dann hab ich nur noch eine Chance meinen Content wieder ohne großen Aufwand “frei” bzw. an anderer Stelle nutzbar zu kriegen, wenn das System offene Schnittstellen anbietet und eine Migration des Contents unterstützt.
3.) Free ist nicht free. Free Beer ist nicht Freedom.
e-Blogger verwendet keine Freie Open Source Software. “Rechte an geistigem Eigentum. Googles Rechte am geistigen Eigentum. Sie erkennen an, dass Google Eigentümer aller Rechte, Titel und Nutzen an dem und in Bezug auf den Service ist, einschließlich der Rechte an geistigem Eigentum (die “Rechte von Google”). “Siehe Punkt 6 Nutzungsrechte bei e-blogger .
Mein Content wird dabei zwar noch dezitiert ausgenommen, aber die Nutzungsbedingungen können sich jederzeit ändern. Ich darf also in den Bus einsteigen und mitfahren – aber wohin der Bus fährt, entscheiden andere und da dran darf/kann/soll ich mich nicht beteiligen.
4.) Die Lernumgebung beeinflusst den Lernprozess.
Zumindest gilt das erwiesenermaßen in der analogen Lernwelt. Schon die ReformpädagogInnen vor 100 Jahren haben festgestellt, dass es wichtig ist, wie der Lernraum aussieht und was in dem Raum angeboten wird. Es gibt meinem bescheidenen Wissen nach noch keine Untersuchungen inwiefern sich die Online-Umgebungen auf den Lernprozess beim E-Learning auswirken – aber ich wage zu behaupten, dass es Einflüsse gibt. Daher ist es wichtig, dass auch digitale Lernumgebungen gestaltet werden können. Die Gestaltungsmöglichkeiten werden umso geringer, je weniger die “Arbeitsmittel” im Besitz der Lernenden/Lehrendensind. Je proprietärer die verwendete Software, desto geringer die Chance sie an Bedürfnisse anzupassen.
Nun kann jeder individuell im Privatleben selbst entscheiden, in welchen digitalen Umgebungen mensch sich bewegen will. Kostenfreie Angebote zu nutzen ist ja nichts schlechtes per se. Googles Online Tools sind auch oft sehr praktisch und nützlich (ich verwende Sie privatpunktuell ebenfalls gerne). Allerdings darf sich institutionelles Lernen nicht auf diese verlassen. Es gilt Online Lernumgebungen zu entwickeln und zu fördern, die dem Public Access entsprechen.
Wenn Schularbeiten, Abschlussarbeiten, Diplomarbeiten und Dissertationen multimedial und auf Hypertext basierend erstellt und veröffentlicht werden sollen, wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur in Papierform sondern auch online verfügbar sein sollen, dann benötigen Bildungseinrichtungen eine Online Publikationsumgebung, die einerseits langfristige Verfügbarkeit und andererseits ein entsprechendes Publikationsumfeld garantiert.
Wenn SchülerInnen, StudentInnen mit Software und Internet arbeiten, dann dürfen dabei nicht Konzerninteressen das Umfeld bestimmen. Es müssen entsprechende Applikationen seitens der Bildungsträger zur Verfügung gestellt werden. Ich erachte es daher als Aufgabe der Universitäten und Hochschulen entsprechende Lernumgebungen zu entwickeln, zu evaluieren und der Gesellschaft (dazu gehören auch die Bildungsinstitutionen) zur Verfügung zu stellen. Dass dabei das Zusammenspiel und die Bedeutung der verschiedensten kostenfreien Online Angebote für den Lernprozeß mitzudenken ist, erscheint mir auch klar.
Es gilt hier einen Kriterienkatalog für eine Grundausstattung zu erstellen, um zu entscheiden, welche Tools seitens der Institution als Lernwerkzeuge in einer institutionellen Lernumgebung angeboten werden und was dann sozusagen privat für die Lernenden noch zur Verfügung steht.
Ein guter Ansatz ist der E-Learning Baukasten (ELBA) der ETH Zürich.