Zeig mir, wo dein Content ist…

…und ich sag dir, wer du bist. Es ist heutzutage kein Problem mehr kostenfrei Webspace auf irgendwelchen Servern von verschiedensten Anbietern zu erhalten. Für die LeserInnen dieses Blogs ist es egal, ob dieser Text in Wien, in New York oder in irgendeinem Server auf einer kleinen Bohrinsel abrufbar ist. Nun aber für mich ists das nicht.

Michael Kerres (E-Learning und Bildungsexperte an der Uni Duisburg, den ich sehr schätze) ist mit seinem Blog vor etwa einem Monat vom Uniserver zu e-Blogger umgezogen. Seine Freude über die vielen praktischen Google Tools hat er schon des öfteren in seinem Blog zum Ausdruck gebracht.

e-Blogger – ein kleines unabhängiges Unternehmen – wurde 2002 von Google aufgekauft. Nun Google bietet jede Menge gute Tools kostenfrei an. Allerdings nicht kostenlos – bezahlt wird mit Daten. Google lebt davon die Netzgewohnheiten und Interessen einer großen Zahl von Menschen zu analysieren und auszuwerten. Daraus lassen sich Trends ablesen und diese sind gegen bare Münze einzutauschen. (Übrigens sollten Sie demnächst an der Kasse des Supermarktes nach Ihrer Postleitzahl gefragt werden – nennen  Sie einen Ort mit hoher Arbeitslosigkeit – ev. wird bei oftmaliger Nennung der Postleitzahl dort eine neue Filiale eröffnet und Arbeitsplätze geschaffen :)) )

Kerres beschäftigt sich vorrangig mit E-Learning und den Möglichkeiten die Online Instrumente für Bildungsinnovation bieten. Ein Bereich in dem ich auch arbeite. Da kommt über kurz und lang die Frage auf: ist es in einer Netzwerkarchitektur wichtig, auf welchen Servern Programme laufen, die für den Unterricht genutzt werden können. Auch Kerres stellt diese Frage kurz in seinem Blogeintrag.

Ich denke es ist wichtig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen und es ist nicht egal, wo was gehostet wird. Kerres verweist bereits auf das Problem der unterschiedlichsten Datenschutz und Rechtssituationen, die eine Nutzung von Servern in anderen Staaten aufwirft. Aber ich denke, es gibt da noch mehr:

1.) Das Umfeld prägt auch das Image.
Es macht einen Unterschied, wo (m)ein Text erscheint – ob Uni/Hochschule oder Privatunternehmen.

2.) Der Inhaber des Servers kontrolliert auch meinen Datenbesitz.
Wenn Google flickr, youtube und andere Plattformen aufkauft, wandert auch der Content in dieses Umfeld. Es ist ein branchenübliches Verhalten, dass im Web kostenfrei Dienste angeboten werden, die dann sobald die kritische Masse erreicht ist – kommerzialisiert werden. Dann hab ich nur noch eine Chance meinen Content wieder ohne großen Aufwand „frei“ bzw. an anderer Stelle nutzbar zu kriegen, wenn das System offene Schnittstellen anbietet und eine Migration des Contents unterstützt.

3.) Free ist nicht free. Free Beer ist nicht Freedom.
e-Blogger verwendet keine Freie  Open Source Software. „Rechte an geistigem Eigentum. Googles Rechte am geistigen Eigentum. Sie erkennen an, dass Google Eigentümer aller Rechte, Titel und Nutzen an dem und in Bezug auf den Service ist, einschließlich der Rechte an geistigem Eigentum (die „Rechte von Google“). „Siehe Punkt 6 Nutzungsrechte bei e-blogger .
Mein Content wird dabei zwar noch dezitiert ausgenommen, aber die Nutzungsbedingungen können sich jederzeit ändern. Ich darf also in den Bus einsteigen und mitfahren – aber wohin der Bus fährt, entscheiden andere und da dran darf/kann/soll ich mich nicht beteiligen.

4.) Die Lernumgebung beeinflusst den Lernprozess.
Zumindest gilt das erwiesenermaßen in der analogen Lernwelt. Schon die ReformpädagogInnen vor 100 Jahren haben festgestellt, dass es wichtig ist, wie der Lernraum aussieht und was in dem Raum angeboten wird. Es gibt meinem bescheidenen Wissen nach noch keine Untersuchungen inwiefern sich die Online-Umgebungen auf den Lernprozess beim E-Learning auswirken – aber ich wage zu behaupten, dass es Einflüsse gibt. Daher ist es wichtig, dass auch digitale Lernumgebungen gestaltet werden können. Die Gestaltungsmöglichkeiten werden umso geringer, je weniger die „Arbeitsmittel“ im Besitz der Lernenden/Lehrendensind. Je proprietärer die verwendete Software, desto geringer die Chance sie an Bedürfnisse anzupassen.

Nun kann jeder individuell im Privatleben selbst entscheiden, in welchen digitalen Umgebungen mensch sich bewegen will. Kostenfreie Angebote zu nutzen ist ja nichts schlechtes per se. Googles Online Tools sind auch oft sehr praktisch und nützlich (ich verwende Sie privatpunktuell ebenfalls gerne). Allerdings darf sich institutionelles Lernen nicht auf diese verlassen. Es gilt Online Lernumgebungen zu entwickeln und zu fördern, die dem Public Access entsprechen.

Wenn Schularbeiten, Abschlussarbeiten, Diplomarbeiten und Dissertationen multimedial und auf Hypertext basierend erstellt und veröffentlicht werden sollen, wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur in Papierform sondern auch online verfügbar sein sollen, dann benötigen Bildungseinrichtungen eine Online Publikationsumgebung, die einerseits langfristige Verfügbarkeit und andererseits ein entsprechendes Publikationsumfeld garantiert.

Wenn SchülerInnen, StudentInnen mit Software und Internet arbeiten, dann dürfen dabei nicht Konzerninteressen das Umfeld bestimmen. Es müssen entsprechende Applikationen seitens der Bildungsträger zur Verfügung gestellt werden. Ich erachte es daher als Aufgabe der Universitäten und Hochschulen entsprechende Lernumgebungen zu entwickeln,  zu evaluieren und der Gesellschaft (dazu gehören auch die Bildungsinstitutionen) zur Verfügung zu stellen. Dass dabei das Zusammenspiel und die Bedeutung der verschiedensten kostenfreien Online Angebote für den Lernprozeß mitzudenken ist, erscheint mir auch klar.

Es gilt hier einen Kriterienkatalog für eine Grundausstattung zu erstellen, um zu entscheiden, welche Tools seitens der Institution als Lernwerkzeuge in einer institutionellen Lernumgebung angeboten werden und was dann sozusagen privat für die Lernenden noch zur Verfügung steht.

Ein guter Ansatz  ist der E-Learning Baukasten (ELBA) der ETH Zürich.

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